Sechzehn Ideen für Ernährungsbildung

Ernährungsbildung findet statt in den Medien, im Detailhandel, im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Elternhaus, um nur einige Lernorte zu nennen. Über das Debattierhaus verteilt stellten sich sechzen verschiedene Initiativen und Kampagnen vor. Die TeilnehmerInnen konnten, wie auf einem Markt, von Stand zu Stand schlendern und sich mit neuen Inhalte für ihren Werkzeugkasten „Ernährungsbildung“ eindecken:

 

Sensibilisieren:
 
 
Neues Lernen:
 
 
Neues co-kreieren:
 
 

 

 

Nachhaltige Ernährung bedeutet, Essgewohnheiten zu ändern

Eine nachhaltige Ernährung ist gut für Mensch, Tier und Umwelt.
Seit der Veröffentlichung der «Planetary Health Diet» durch die EAT-Lancet Kommission im Jahr 2019 ist klar, wie sehr wir unsere Essgewohnheiten ändern sollten. Aber wie?

Was ist eine nachhaltige Ernährung? Wie können Menschen ihre Essgewohnheiten verändern? Welche Bildungsangebote für nachhaltige Ernährung sind erfolgreich?

Rückblick auf den dritten Tag (in chronologischer Reihenfolge):
(ein Klick auf den Titel führt zum Beitrag auf YouTube)

 

Sechzehn Ideen und Impulse für meinen Werkzeugkasten →
Rückblick auf die Tagung von Mélanie von Richthofen →
Photoalbum → 
Powerpoints der Vorträge, Hintergrunddokumente und Links →

 

Wie Städte die Transformation ihres Ernährungssystems vorantreiben

Was die Städte für ein transparenteres und faireres Ernährungssystem beitragen können und zum Teil schon sehr erfolgreich tun, aber auch die demokratischen Mittel die uns zur Verfügung stehen, Änderungen voranzutreiben: darum gings am 2. Tag.

Rückblick auf den 2. Tag (in chronologischer Reihenfolge):
(ein Klick auf den Titel führt zum Beitrag auf Youtube)

Rückblick von Udo Theiss →
Powerpoints der Vorträge, Hintergrunddokumente und Links →

Städte in den Strategien zur Förderung zukunftsfähiger Ernährungssysteme

Das Recht auf gesunde Ernährung ist ein universelles Recht. Trotzdem steigt seit einigen Jahren die Zahl der Menschen, die an Hunger und Unterernährung leiden, wieder an. 

Global sind heute (2022) 42% der Bevölkerung von Hunger, Unterernährung und/oder Fehlernährung betroffen.  Die Landbevölkerung ist zwar am meisten betroffen, aber auch die Städte haben ein grosses Problem mit Unter- und Fehlernährung und den darausfolgenden «nichtübertragnaren Zivilisationskrankheiten».

Dank der SDGs, der UNFSS, und anderen Initiativen ist das Problem global bekannt. Man weiss, dass ein ganzheitlicherer Ansatz erforderlich ist, dass es nicht nur um die Landwirtschaft geht, sondern um den gesamten Nahrungsmittelsektor, also die ganze Wertschöpfungskette, vom Feld bis zum Teller und zum Kompost. 

Rückblick auf den ersten Tag (in chronologischer Reihenfolge):
(ein Klick auf den Titel führt zum Beitrag auf YouTube)

Nach den interessanten Vorträgen moderierte Valentina Hemmeler Maiga, Generaldirektorin des  kantonalen Amtes für Landwirtschaft und Natur Genf (OCAN), eine sehr lebhafte Diskussion über Politik und Verwaltungen, WTO und Menschenrechte, das Machtungleichgewicht im Lebensmittelsektor zugunsten der Industrie, Produktekosten und -Wert, Utopien und Konsumtrends. Die Diskussion auf YouTube →

 

Rückblick von Nina Schretr, Heidi.News →
Powerpoints der Vorträge, Hintergrunddokumente und Links →

Die Konferenz auf YouTube :

Genf – Teil 1
Genf – Teil 2

Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft

Gesunde und gerechte Ernährung für alle, unabhängig von der sozialen Stellung, des Geschlechts, des Alters. Auch die Produktion soll gerecht sein, auf der ganzen Wertschöpfungskette.

Das Thema am dritten Abend der Veranstaltungsreihe:  die (Clichés der) Rollenverteilung in der Landwirtschaft. Es geht um die Ausbildung, Zugang zu Land, soziale Absicherung.  Wieso sind die Frauen – heute noch und auch bei uns – häufig am schlechtesten gestellt?  Was kann wie verbessert werden? Welche Möglichkeiten werden bereits umgesetzt? Und was können die Frauen selber dafür tun?

Johanna Herrigel diskutierte mit

Einführende Fragen an Anne Challandes

Welche unbezahlten Aufgaben und Arbeiten führen Frauen auf Bauernhöfen aus?

Es gibt Frauen, die entlöhnt sind, aber auch viele die nicht entlöhnt sind.  Es ist eine Frage der Familienstruktur und des -einkommens – es gibt Frauen, die Stallarbeit machen ohne Entlöhnung, und es gibt Frauen, die Büroarbeit und die Buchhaltung machen, für die sie entlöhnt werden.  Es ist weniger eine Frage der Arbeit als eine Frage des Diskussionstandes und der Offenheit und der Kenntnisse in der Familie

Viele der Arbeiten sind unsichtbar, wie in anderen Familien auch. Frauen kochen und putzen, machen den Garten zur Selbstversorgungen. Häufig leiten sie ihren eigenen Produktionszweig, z.B. die Direktvermarktung oder soziale Landwirtschaftsprojekte. Sie sind verantwortlich für die Verpflegung der Angestellten und Auszubildenden, ggf. putzen sie deren Unterkunft, sie unterstützen sie bei Schulaufgaben, machen Lohnabrechnungen, die Buchhaltung und andere administrative Arbeiten. Häufig sie vertreten den Betrieb nach aussen, zum Beispiel bei Kontrollen oder beim Tierarztbesuch. Und, sie teilen die Beschlüsse und Belastungen mit ihrem Partner.

Wie viele Frauen sind betroffen?

Die Daten stammen aus 2013 (die nächste Erhebung soll 2022 stattfinden): damals arbeiteten dreiundvierzigtausend Frauen von Betriebsleitern; über 30’000 wurden dafür nicht entlöhnt:

  • 16% waren bei der AHV als selbständig Erwerbstätig angemeldet und
  • 15% als angestellt.
  • 56% der Frauen arbeiten auf dem Hof ohne Entlöhnung und
  • 13% hatten einen unbekannten Status.

Ein Teil der Frauen arbeitete ausserhalb und war dort bei der AHV angemeldet.

Was genau ist das Problem der unbezahlten Arbeit

Das Problem ist die Anerkennung, nicht nur in der Familie, auch die soziale Anerkennung ausserhalb. Und:  ohne Lohn gelten sie für die Sozialversicherung und AHV als nichterwerbstätig. Daraus können sich viele Nachteile ergeben.

Nicht erwerbstätig = nicht versichert

Ohne Status «erwerbstätig» kann frau keine 2. Säule äufnen, erhält keine eigene AHV, kann keine Mutterschaftsentschädigung fordern (die gibt’s nicht ohne Lohn), und im Scheidungsfall kann sie auch nicht stempeln gehen.

Vielleicht ergeben sich minimale steuerliche Einsparmöglichkeiten für beide Partner während der glücklichen Ehe. Aber bei einer Scheidung, und in der Landwirtschaft ist die Scheidungsrate gleich hoch wie sonst in der Gesellschaft, erhöht die vorherige Gratismitarbeit die Schwierigkeiten.

Welche unterschiedlichen Ausbildungen gibt es und wie sind sie strukturiert?

Landwirt.in (mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis EFZ) ist eine dreijährige Berufslehre. Diese klassische Grundausbildung hat die Schwerpunkte Pflanzenbau, Tierhaltung, Mechanisierung, Arbeitsumfeld und allgemeinbildende Fächer. Erfolgreiche Absolvent.inn.en sind direktzahlungsberechtigt.

Bäuerin ist (mit eidgenössischem Fachausweis BP) ist eine 5-semestrige Ausbildung mit den Schwerpunkten Haushaltsführung, Ernährung, Produkteverarbeitung, Betriebslehre und Buchhaltung.  Ackerkulturen, Rindviehaltung u.a. werden als Wahlmodule angeboten. Der Fachausweis gibt ebenfalls Anrecht auf Direktzahlungen, d.h. mit dieser Ausbildung kann man einen Betrieb übernehmen und leiten.

Zementiert die Ausbildung Geschlechtertrennung?

Möglich.  Aber fast 90% der Betriebe sind in männlichen Händen. D.h. die Frauen kommen in die Landwirtschaft, weil sie einen Mann lieben. Sie haben häufig also schon einen ersten Beruf, während der Mann schon auf dem Betrieb arbeitet.  Sie übernehmen eine traditionelle Rollenverteilung, obwohl die Möglichkeit, andere Rollen zu übernehmen, durchaus besteht.

Die Bäuerinnen-Ausbildung mag die traditionellen Frauenaufgaben adressieren, und natürlich wird die Ausbildung weiterentwickelt, aber bloss weil diese Aufgaben traditionnel von den Frauen ausgeübt wurden, bedeutet nicht, dass Ernährung, Foodwaste, Gartenbau und Buchhaltung nicht zentral wären – wie uns der Lockdown vor Augen geführt hat.  Auch zeigt die  Tatsache, dass diese Ausbildung zu Direktzahlungen berechtigt, dass sie zur Autonomie beiträgt.  Wir wollen nicht alles wegwerfen «der Gleichberechtigung willen»!

Paneldiskussion:

Was ist mit der Geschlechterungerechtigkeit im globalen Süden?

Tina Goethe (Bfa): Die Verantwortung für die Ernährung in der Familie – von der Pflege des Saatgutes bis zum Kochen – ist bei den Frauen. Das ist eine grosse Verantwortung, insbesondere wenn ihnen die Grundlage dazu entzogen wird, zum Beispiel, weil ihnen der physische Zugang zu Land entzogen wurde (Bsp Palmölplantagen in Afrika).  Aber auch Wasserholen, Holzsammeln und Kochen auf dem offenen Feuer, sind schwere Arbeiten, die viel Zeit beanspruchen. Diese Familienarbeit lastet auf den Frauen und nimmt ihnen die Möglichkeit, einer anderen Aktivität nachzugehen. Bleibt der Direktverkauf auf Strassenmärkten und in Strassenküchen als wichtige Möglichkeit für Frauen, um Geld zu verdienen – Geld für medizinische Versorgung, die Schulbildung für die Kinder, Kleider.

Die Infrastruktur im globalen Süden ist eine ganz andere als bei uns. So sind auch ihre politischen Forderungen andere:  Sie brauchen Land, Gesundheitsversorgung und Bildung für Kinder.  Diese fundamentalen Forderungen sind noch in weiter Ferne.

In die Familie reinwachsen.

Nadia Graber:  Ein Bauernhof ist ein spezielles Konstrukt, in dem die drei Sektoren Betrieb, Arbeit und Familie nicht immer klar getrennt sind. Viele Arbeiten, die eine Bäuerin leistet, leistet sie für ihre Kinder, aber auch für ihre Mitarbeiter.inn.en. Ist also die Arbeit direkt für den Betrieb von Nöten oder «nur» eine Familienarbeit?  Wenn frau dann noch alle damit verbundene Administration selbst regeln muss, die Schwiegermutter auch nie ein Gehalt erhalten hat und der Hof sowieso «am Limit» läuft, scheint es häufig einfacher, keinen Lohn zu beziehen.

Zusammen Quereinsteiger.

Ulrike Minkner:  Einfacher scheint die Situation zu sein, wenn beide aus andern Berufen kommen und zusammen Betriebsleiter werden. Sie schaffen ihre neue Struktur gemeinsam, auch ihre Rollenverteilung inklusive Kochen und Arbeit ausserhalb. Eine Arbeitsteilung findet trotzdem statt und wenn plötzlich eine Person nicht mehr da ist, ist die, die zurückbleibt auch in dieser Konstellation auf Hilfe von aussen angewiesen.

Sexistische Ausbildung

Die landwirtschaftliche Ausbildung scheint die traditionelle Rollenverteilung zu stärken.  Die Unsichtbarkeit der Arbeit der Frauen wird durch die klare Ausrichtung der Bäuerinnen-Ausbildung zementiert und wer gleichberechtigte Partnerin sein will, sollte die Fachausbildung zur Landwirtin machen. Auch wenn dort die Rollenverteilung schon in der Sprache der Unterlagen ebenfalls gefestigt wird…

Die Bäuerinnen des Podiums wünschen sich, dass in der Lehre zum Landwirten/zur Landwirtin auch Module angeboten würden zum Haushalt und der Ernährung – und die angehenden Bäuerinnen BZ einen Traktorfahrkurs machen könnten.    Anne Challandes gibt zu bedenken, dass die 3-jährige Landwirt.innen-Ausbildung schon intensiv ist und nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann.

Unternehmen Landwirtschaft

Ein Viertel der Bauernfamilien in der Schweiz sind finanziell in einer kritischen Situation und die Verschuldung Schweizer Bauernhöfe ist extrem hoch. Welche Wege gibt es, aus der Mühle rauszukommen? Wie könnte man sich re-organisieren, was könnte man anders machen?  Jeder Betrieb und jede Situation ist verschieden. Es ist wichtig, gemeinsam zu überlegen und zusammen die beste Lösung für die Frau, den Mann, den Betrieb, die Situation zu finden. Professionelle Beratungen (wie sie zum Beispiel der SBLV anbietet) helfen, passende Rahmenbedingungen zu schaffen.

In der AgrarPolitik 22+ wurde eine Risikoabsicherung für PartnerInnen, die häufig und viel mitarbeiten, verlangt. Auch wenn die AP sistiert wurde: die Diskussion kam ins Rollen. Die daraus entstandene Sensibilisierungskampagne geht weiter und in die richtige Richtung.

Gratisarbeit

Sandra Contzen erinnert daran, dass es unbezahlte Mitarbeit in allen Berufen und Familienunternehmen und nicht nur auf Bauernhöfen gibt. Obwohl das im ZGB Artikel 165 unter «Ausserordentliche Beiträge eines Ehegatten» eigentlich anders geregelt ist: «Hat ein Ehegatte im Beruf oder Gewerbe des andern erheblich mehr mitgearbeitet, als sein Beitrag an den Unterhalt der Familie verlangt, so hat er dafür Anspruch auf angemessene Entschädigung.» Bleibt die Frage, was mit der Care-Arbeit passiert?

Der Grossteil der Care-Arbeit ist unbezahlt, es sei denn man lagert sie aus. Ein Grossteil dieser hauswirtschaftlichen und Kindersorgearbeit wird von Frauen geleistet. Ohne sie würde kein Kind je zur Schule gehen können. Die Frage, die sich stellt, ist, wieso diese Tätigkeiten (erst) in der Fachausbildung gelehrt werden sollten; Hausarbeit, Ernährung und Familienwohl sind für uns alle wichtig und gehörten deshalb in die schulische Grundausbildung integriert. Als positiver Nebeneffekt erhofft sich Sandra Contzen, dass, wenn alle wissen, wie viel Aufwand diese zentralen Arbeiten bedeuten, dieser auch wertgeschätzt wird.

Fazit

Frauen organisiert Euch!

Sich selber ausbeuten darf nicht sein. Auf dem Hof Mitarbeitende, auch Familienmitglieder, sollen korrekt entlöhnt werden. Wie können alle die, die unsere Lebensmittel produzieren, genug verdienen, um selber ein menschenwürdiges Leben zu haben?  Ihre unbezahlte Arbeit subventioniert unsere Lebensmittel. Das macht keinen Sinn.  Deshalb:

Gute Rahmenbedingungen sollen gegeben werden, aber die Frauen sollen selber entscheiden können. 

Um etwas zu ändern, müssen sich die, die für ihre Rechte einstehen, organisieren.

Das bäuerliche Bodenrecht regelt den landwirtschaftlichen Besitz und nicht die Arbeitsteilung oder andere angesprochene Probleme. Um den Risikofaktor Scheidung zu minimieren, raten die Panelistinnen den Jungbäuerinnen im Saal, klare Abmachungen zu treffen bevor sie «einfach so» auf die Höfe ziehen und Investitionen immer schriftlich festzuhalten. 

Graue Energie – Abfall und Verluste, Weltmarktlogik und Verteilungskämpfe

Unser Lebensstil ist nicht nachhaltig. Wie können wir die graue Energie reduzieren und die Ökobilanz unserer Ernährung verbessert, werden?

Johanna Herrigel diskutierte mit

Gern verweisen wir auf die Aufzeichnung auf YouTube  für die komplette Diskussion in der Fair Trade Town Vaduz. Die spannende und angeregte Diskussion diente als Grundlage zu diesem Artikel.

Lokal und Fair unterwegs:

Bürgermeister Manfred Bischof stellte in seiner Willkommensrede klar:  die Gemeinde Vaduz nimmt ihre Vorbildfunktion und Mitverantwortung für den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen wahr.  Die Stadt Vaduz ist Fair Trade Town  und hat eine Nachhaltikeitsstrategie. Sie unterstützt Bestreben, für gewisse Produkte die ganze Wertschöpfung wieder ins Land holen. Als Beispiel sei der Ribelmais genannt, der bereits wieder lokal angebaut wird.  Der nächste Schritt ist eine lokale Mühle; momentan wird der Mais noch im nahen Ausland gemahlen.

Florian Bernardi, VBO-Vertreter, Bioberater und Weltackerverantwortlicher ergänzt die Liste der Erfolgsgeschichten mit Hartweizen – nächstes Jahr gibt’s die erste Liechtensteiner Pasta, und er erzählt vom Hanf, der in die Fruchtfolge aufgenommen wurde. Er stellt sich vor, wie in sandigen Böden Erdnüsse angepflanzt werden könnten, und lokal Öl gepresst. Als Bioberater und im Rahmen des VBO ist er ständig im Austausch mit Landwirtinnen und Landwirten, motiviert sie zum Unternehmertum und empfiehlt ihnen, was auf dem Ernährungsfeld erfolgreich ausprobiert wurde, auch zum Anbau.

Bestimmt fördern die familiären Verhältnisse im kleinen Land die Kommunikation und vereinfachen die Synergien zwischen den verschiedenen Initiativen. Und wenn Flurina Seger von der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein sagt, ein Ziel sei, in 5 Jahren eine Agrarpolitk zu haben, die für andere Regionen und Länder Vorbildcharakter habe, dann scheint das, unter anderem wegen der kurzen Wege, durchaus erreichbar.

Essen ist Genuss

Die Liechtensteiner wollen die Wertschöpfung wieder ins Land bringen und dabei die Wege verkürzen, Produktevielfalt erhöhen und den Ess-Genuss fördern. Die Beziehung zum Essen soll wieder persönlicher werden, damit KonsumentInnen den Hintergrund und die Entstehung ihres Essens kennen.  Neue lokale Produkte und regionale Wertschöpfungsketten erzählen eine Geschichte . Und das ist für alle positiv:  die Produzent.inn.en erhalten einen fairen Preis für ihre Produkte und die Konsument.innen eine persönlichere Beziehung und Wertschätzung ihrem Essen und seiner Wertschöpfungskette.  Das wiederum, um auf das Thema des Abends zurückzukommen, vermindert foodwaste, der über einen Drittel des gesamten Ökologischen Fussabdruckes misst.

Das Ernährungsfeld Vaduz, aber auch die AckerschaftLiechtenstein und Integrity.Earth haben zum Ziel, Menschen über Erlebnisse und Begegnungen wieder näher zu ihrem Essen führen, indem sie Wissen vermitteln und Zusammenhänge aufzeigen.  So ist denn auch das Ernährungsfeld an zentraler Lage und für alle immer zugänglich.

Die Stiftung Lebenswertes Liechtenstein ist Bindeglied zwischen Zivilgesellschaften, Industrie und Politik und setzt sich ein für Kommunikation und Austausch zwischen den Interessensgruppen. Flurina Seger hofft, die Nachhaltigkeit in der Politik verankern zu können. Vor kurzem haben sie  «Agrarökologie Liechtenstein» lanciert mit drei Projekten, um «das praktikable sichtbar zu machen», und, unterstützt vom VBO und FIBL, der Politik Daten und Entscheidungsgrundlagen zu liefern.

Nachhaltigkeit – graue Energie

Für Nachhaltigkeit spielt Graue Energie, das Thema des Abends, eine grosse Rolle. Graue Energie ist die gesamte Energie, die für ein Produkt benötigt wird. Angefangen bei der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung, Transport, Verarbeitung, Lagerung, Verpackung, Zubereitung und Entsorgung.

Unser Gast Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW, fordert deshalb, dass das damit verbundene Lebenszyklus-Denken überall vorkommen und alle betreffen soll und Ökobilanzen dafür genutzt werden sollen, um die Ernährung aus Umweltsicht zu optimieren. Johanna Herrigel fragte nach:

Interview mit Matthias Stucki

Was sind Ökobilanzen?

Ökobilanzen sind eine wissenschaftliche Methodik, die Umweltauswirkungen eines Produkts zu messen und in Zahlen auszudrücken. Der englische Ausdruck dafür, Life Cycle Assessment (LCA), betont die Lebenszyklusperspektive. Es geht um weit mehr als die Verpackung, die ich im Supermarkt sehe.

Der Lebenszyklus beginnt normalerweise mit dem Abbau von Rohstoffen, zum Beispiel von Phosphat für Dünger, oder Metallerzen für die Produktion von Maschinen, der Anbau von Lebensmitteln, ihre Verarbeitung, Lagerung und Transport, bis hin zur Zubereitung der Mahlzeit zu Hause oder im Restaurant und der Entsorgung von Verpackung und foodwaste.

Bei jedem Stadium werden Ressourcen verbraucht: Wasser, Energie, Materialien und es entstehen Emissionen wie CO2 und giftige Substanzen, Schadstoffe in Luft, Boden und Wasser.

In der Ökobilanz wird das alles zusammengefasst und die verschiedenen Umweltfaktoren berechnet. Die graue Energie ist dabei ein wichtiger Indikator. Aber neben der grauen Energie werden in einer Ökobilanz auch andere Umweltaspekte, wie die toxische Wirkung auf die Ökosysteme, berücksichtigt (zum Beispiel durch den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln). Auch der Flächenverbrauch in der Landwirtschaft spielt eine Rolle.

Wie wird eine Ökobilanz berechnet?

Ökobilanzen werden nach einem standardisierten, 4-stufigen Prozess berechnet (ISO Norm 14040)

  1. Festlegung von Ziel und Untersuchungsrahmen.  Was will man überhaupt untersuchen?
  2. Sachbilanz: Das ist eine komplexe «Datenschlacht». Wie viel Diesel braucht der Traktor, was ist die Ertragsmenge, wie viel und welche Pflanzenschutzmittel werden eingesetzt, welche Verluste haben wir entlang der Wertschöpfungskette etc.  Häufig erheben wir hierfür mit Hilfe von Fragebogen Daten von Bäuerinnen und Bauern, und auch aus der Industrie. Diese Vordergrunddaten werden verknüpft mit Datenbanken, in denen zusätzliche Daten für die Ökobilanz schon hinterlegt sind, wie zum Beispiel die Umwelt-Intensität des typischen Schweizer Strommixes oder die Zusammensetzung eines typischen Lastwagens.
  3. Wirkungsabschätzung: Mit dem Modell aus der Sachbilanz werden in der Wirkungsabschätzung anschliessend verschiedene Umweltindikatoren ausgewertet.  Dazu gehören die graue Energie, der Wasserverbrauch, klimarelevante Treibhausgasemissionen, eutrophierende Substanzen, oder auch giftige Substanzen, die über den gesamten Lebenszyklus vorkommen.
  4. Interpretation: In dieser Phase beschreiben wir, welche Erkenntnisse aus der Ökobilanz gezogen werden können und wo wir ansetzen können, um ein Produktesystem ökologisch zu optimieren.

 Die graue Energie, die benötigt wird, um die Nahrungsmittel für eine Person bereitzustellen beträgt in der Schweiz zirka 7 Fässer Erdöl pro Jahr!

Ernährung ist ein wichtiges Thema aus Umweltsicht, es ist der Konsumbereich mit der grössten Umweltbelastung; mehr als Wohnen, die private Mobilität, oder Freizeit. Das heisst, wir können viel bewirken, wenn wir unser Konsumverhalten in der Ernährung ändern.

Wo sind die Umweltauswirkungen am höchsten?

Fleisch und Fisch haben die grössten klimarelevanten Emissionen (28% des Totals), dann kommen gleich die weiteren tierischen Erzeugnisse (Milch und Eier, 18%) und Getränke (21% – besonders umweltintensiv sind neben Kaffee alkoholische Getränke). Früchte und Gemüse haben einen relativ kleinen Anteil am Umweltabdruck der Ernährung.

Verpackung, Verarbeitung und Transport haben einen relativ geringen Einfluss. Die grosse Einsparung wird also nicht beim Einkaufen mit der Stofftasche gemacht, sondern das beste Ergebnis bringt die Reduktion von tierischen Produkten. Und die Elimination von Foodwaste entlang der Wertschöpfungskette bringt eine Reduktion des ganzen Fussabdruckes von bis zu einem Drittel!

Bio oder konventionnel?

Biologische Produkte haben den Umweltvorteil, dass keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel und kein synthetischer Mineraldünger eingesetzt werden dürfen. Aufgrund der tieferen Erträge ist jedoch der Flächenverbrauch bei vielen biologischen Produkten grösser als bei konventioneller oder integrierter Produktion.

Kapsel- oder Filterkaffee?

Der konventionelle Kaffeeanbau ist sehr umweltintensiv, weshalb die eingesetzte Menge an Kaffeebohnen entscheidend ist für die Ökobilanz. Aus diesem Grund kann es sein, dass Kaffee aus Kapseln aufgrund der geringerer Kaffeebohnenmenge trotz grösserem Verpackungsanfall tiefere Umweltauswirkungen hat, als Kaffee aus einem Vollautomaten.

Der Transport ist nur 10% des Ganzen.  Ist saisonal und regional also nicht besonders wichtig?

Auch beim Transport gibt es mit einem Anteil von 10%  ein relevantes Einsparpotential.  Insbesondere Flugfracht aus Übersee, wie zum Beispiel leicht verderbliche tropische Früchte, haben wegen der Flugemissionen einen grossen CO2-Fussabdruck.  Andere Verkehrsmittel, zum Beispiel Frachtschiffe, können solch grosse Mengen transportieren, dass die Emissionen, auf das einzelne Produkt heruntergebrochen, nicht mehr viel zum Gesamtresultat beitragen. Bei mit dem Schiff transportierten Lebensmitteln ist der Anbau entscheidend und nicht der Transport. Die grösste Wirkung erreichen wir also in erster Linie mit dem Entscheid WAS wir konsumieren, nicht WOHER das Produkt kommt.

Auch die Strategie «Saisonal» einzukaufen hat ein beschränktes ökologisches Potenzial. Das grösste Einsparpotential besteht dabei durch den Verzicht von Gemüse aus Gewächshäusern, die mit fossiler Energie beheizt werden.  Aber ob wir Kartoffeln ein bisschen länger lagern hat keinen grossen Einfluss auf die Ökobilanz.

Wie genau sind Ökobilanzen?

Die konkreten Zahlen in einer Ökobilanz haben immer eine Unsicherheit, insbesondere weil sehr grosse Unterschiede in der Produktion bestehen. So können wir uns nicht auf die Kommastellen verlassen, aber die Grössenordnung stimmt.  Deshalb kommen verschiedene Ökobilanzstudien normalerweise bei den gleichen Themen auf die gleichen ökologischen Hotspots, Schlussfolgerungen und Empfehlungen.

Wie kann die graue Energie reduziert, und die Ökobilanz unserer Ernährung verbessert, werden?

Digitalisierung

ch will wissen, woher mein Essen kommt, wie es hergestellt wurde, usw.  Kein Problem sagen die Fachleute, auch komplizierte Lieferketten können zurückverfolgt werden dank der Anwendung von Blockchain-Technologies.

Die Idee ist bestechend einfach:  Das Produkt wird am Anfang der Lieferkette digital erfasst (tokenisiert) und während der ganzen Wertschöpfungskette kommen weitere Informationen dazu. Dank dieser Kette von Informationen kann ich jederzeit rückwirkend nachschauen welche Informationen addiert wurden. Wie viel Dünger wurde auf dem Feld ausgebracht, wie viele Stunden Arbeit wurden eingesetzt, wie viel wurde bezahlt für die Ernte, mit welchem Containerschiff kam sie nach Europa, und so weiter.

Ein Vorteil dieser digitalisierten Dokumentation ist die Dezentralisierung der Information. Sie kann, sobald sie erfasst ist, nicht mehr gelöscht oder verfälscht werden, jede Änderung hinterlässt digitale Spuren. Eine Blockchain ist kein zentrales Buch, sondern ist verteilt auf die viele Standorte weltweit.

In einer Blockchain könnten Daten zu  CO2 Emissionen und anderen Umweltauswirkungen hinterleget werden, damit jede.r Konsument.in alle Information über das Produkt, z.B. anhand eines QR-Codes auf der Verpackung im Supermarkt, abrufen kann.

Der Nachteil dieser Informationsketten:  Die Angaben sind nur so korrekt wie die Eingabe zu Beginn war. Zudem erfordert eine automatisierte Dateneingabe einen hohen Technologisierung der ganzen Wertschöpfungskette. Das könnte  zum Nachteil von Kleinproduzentinnen und -produzenten sein und die globale Markt- und Machtkonzentration fördern.

Auch wenn alle Information der ganzen Lebensmittelkette auf der Verpackung eines Produkts verfügbar wäre – für den Kauf entscheidend ist noch anderes.

Unser Konsumverhalten verändern.

Die Diskussion im Plenum hat gezeigt:  Es sind einfache Dinge, mit denen Essverhalten verändert wird.  Das kann eine Geschichte sein, die man damit in Zusammenhang bringt, ein spannender Name, eine attraktive Zubereitung, oder auch einfach, weil jemand sagt, wie gut es schmeckt.  Es gibt Menschen, die in einer Kantine immer Menu 1 wählen. Wenn dort ein attraktives Menu ist, dann kann das auch durchaus mal fleischlos sein.

Je nachdem, wie ein Produkt angepriesen wird, fällt der Entscheid einfacher.  In der Diskussion wird von einem Spital erzählt, in dem das Menu normalerweise vegetarisch ist.  Es steht auch eine Fleisch-Alternative zur Verfügung, aber vorentschieden ist «Vegi».

Die Liechtensteiner Initiativen setzen auf Wissenstransfer im Netzwerk. Sei das im Schulgarten, auf dem Ernährungsfeld, in der Gemüseackerdemie oder bei den Nachernten: Erlebnisse und Erfahrungsaustausch bringen Kontakt zu den Produzent.inn.en, fun facts und Geschichten zu den Lebensmitteln. Und damit die Lust, auch später weiterhin die so kennen gelernten Produkte zu essen.

Auch für die Gemeinschaftsküchen ist klimafreundliches Kochen eine Herausforderung.  Für eine Gruppe Altersheime in Zürich wurden 500 existierende Menus analysiert, ökobilanziert und klassiert nach klimafreundlich, gesund und attraktiv. Die Schnittmenge ergab 150 Menus, die als klimafreundlich, gesund und attraktiv gelten.

Die Themen sind oftmals allen bekannt, Studien belegen seit 20 Jahren die genannten Sachverhalte, aber das Wissen muss noch in den Köpfen ankommen, damit der Paradigmenwechsel passiert und die Symptombekämpfungen ablöst.  Im Energiebereich braucht es eine Dachallianz, um die Schnittstellenkoordination zu verbessern. Und im Foodbereich?

Call to action / Schlussvoten

Ernährung ist der grösste Faktor der Umweltbelastung.  Der zweite Faktor ist das Wohnen.  Beide lassen sich gut kombinieren in modularem Wohnen und kollektivem Gärtnern vor Ort und diversen weiteren Vorteilen wie car sharing Mehrgenerationen Aspekte, knowhow transfer usw.

Bottom-up Initiativen müssen von «up» weitergetragen und Massnahmen eingeführt werden. Lies: es braucht ein Zusammenspiel zwischen initiativen der Zivilgesellschaft, der Politik und der Verwaltung.

Der Austausch zwischen den verschiedenen Projekten und der Bevölkerung ist Voraussetzung zum Umdenken. Sie sensibilisieren, schaffen Berührungspunkte, zeigen wo Hebel sind und Zukunftsperspektiven. Was pflanzen wir an, wie kümmern wir uns um unsere Böden, wie nehmen wir unsere Verantwortung wahr?

Eigentlich sollten wir nicht mehr fragen «bist Du mit dem Auto gekommen?», sondern «was hast du gegessen?»

 

Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Was ist das und wie kommen wir da hin?

Wie soll das ideale Ernährungssystem bei uns aussehen?  Was können wir z.B. aus den Resultaten der „City Dialogues“, die in verschiedenen Schweizer Städten im Vorfeld der UN World food systems Summit stattgefunden haben, lernen? Welche globale Verantwortung haben wir, damit gesunde, gerechte Ernährung für alle Realität werden kann?

Johanna Herrigel diskutierte mit Vertreter.inne.n aus der Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung

Zu Beginn: Benny Haerlin bereitet den Boden vor.

Es ist bekannt: Wir sind 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Weltweit stehen 1,5 Milliarden Hektar fruchtbare Ackerfläche zur Verfügung. Diese Zahlen sind nicht vorstellbar. Aber

2000m2 können wir uns vorstellen. Das ist die Fläche, die jedem einzelnen von uns zur Verfügung steht. Für diese 2000m2 tragen wir die Verantwortung. Immer wenn wir etwas kaufen, was auf dieser fruchtbaren Erde gewachsen ist, bewirtschaften wir einen Teil unseres Weltackers.

  • Was machen wir damit?
  • Kommen wir damit aus?

Es werden weltweit mehr als genug Lebensmittel produziert. Dazu Biogas und Futtermittel, sowie Rohstoffe für Industrieprodukte.  Trotzdem hungern über 800 Millionen Menschen und 47 Millionen davon sind von akuter Hungersnot betroffen.

Wie kann es sein, dass wenn für alle genug fruchtbarer Boden da ist, trotzdem so viele Menschen hungern und ebenso viele an Fehlernährung leiden? Armut und Krieg bringen Hunger. Und auch dort, wo der Klimawandel schon spürbar zugeschlagen hat, können sich immer häufiger die Menschen nicht mehr das ganze Jahr von ihren 2000m2 ernähren.

Je mehr Wissen alle von uns über unsere Ernährung haben, desto bewusster verhalten wir uns. Der Weltacker ist eine der vielen Initiativen mit diesem Ziel.

Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Was ist das?

Gesundheit für alle ?

Gesundheit, das sind gesunde Böden, gesunde Pflanzen, gesunde Tiere, gesunde Menschen, gesunder Planet. Wenn irgendein System von diesen fünf nicht gesund ist, sind alle nicht gesund. Wie Zahnschmerzen, die sich auf den ganzen Menschen auswirken.

Gesunde Ernährung wächst auf gesundem Boden. Doch wir haben in den letzten 70 Jahren weltweit 30-40 % des Humus und fruchtbaren Erde verloren. Der nicht mehr vorhandene Humus kann kein CO2 mehr speichern. Im Boden würde es gebraucht, stattdessen sammelt es sich weiter in der Luft an. Eine natürliche, gesunde Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel produzieren soll, braucht Humus!

Gerechtigkeit für wen ?

Auch die Gerechtigkeit ist mehrdimensional:  Gerechte Ernährung, sowie gerechte Produktion, gerecht verteilte Ackerflächen, gerechte Lieferketten und langfristig gerechtes Verhalten gegenüber unserer Umwelt.  

Gerechte Ernährung bedeutet Ernährungssicherheit – ein Menschenrecht. Doch fast 10% der Weltbevölkerung hat nicht genug zu Essen, und weitere 10-15% leiden an Folgekrankheiten von Fehlernährung.   Gerechte Produktion erfordert soziale Gerechtigkeit: dazu gehören die Arbeitsbedingungen, geregelte Arbeitszeiten und auch das Einkommen. Die heutige globale Wertschöpfungskette ist nicht gerecht. Bäuerinnen, Bauern, Landarbeiter erhalten kaum je einen fairen Preis für ihre Produkte. Diesen aber benötigen sie, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. 

Die fehlende Umweltgerechtigkeit ist mit Schuld am Klimawandel. Die aktuell dominanten globalisierten Wertschöpfungs- und Handelsketten treiben Raubbau an unserer Umwelt. Wir merken davon wenig, da über den Import die Hälfte unserer lebensmittelbedingten Umweltbelastung im Ausland produzieren wird.

Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Wie kommen wir dahin?

Wir brauchen ein neues Ernährungssystem, das Qualität, Genuss und Ökologie berücksichtigt. Um ein gerechtes, gesundes Ernährungssystem aufzubauen sind alle involvierten Interessensgruppen wichtig: Wirtschaft Verwaltung, Politik, und Zivilgesellschaft.

Die Wirtschaft überdenken

Gebana will change the rules of global trade:  nicht der Kunde ist König, sondern die Natur ist Königin. Aus direkten Lieferketten zwischen Produzent.inn.en und Konsument.inn.en resultieren auch faire Preise und ermöglichen dadurch ein menschenwürdiges Leben.

Natur ist Leben. Das heutige Wirtschaftsdogma des ewigen Wachstums kommt aus der Industrie, die vermeintlich ewig wachsen kann. Das geht in der Landwirtschaft nicht. Landwirtschaft arbeitet mit Leben – die Natur darf nicht monetarisiert werden. Matthias Foster fordert eine zweiteilige Rechnung in der Landwirtschaft, eine Leistungsrechnung und eine Nachhaltigkeitsbilanz. Regionalökonomische, soziale und ökologische Leistungen sollen einberechnet werden, «damit der Bauer oder die Bäuerin aufzeigen können, welche Leistungen sie erbringen». Die Differenz zwischen Leistungen und Produkteverkauf plus Direktzahlungen soll von einem einen Leistungsausgleichsfonds finanziert werden.  (Die Universität Bern listet 200 Indikatoren. (1) und (2)

Gleichzeitig mit dem Humusverlust nimmt der Ertrag ab. Ein Wiederaufbau der Humusschicht erhöht zwar die Bodenfruchtbarkeit, -Biodiversität und Resilienz, aber die Investition wirft keinen monetären Ertrag ab. Deshalb fordert die Biostiftung über den Boden-Fruchtbarkeitsfonds (3)  Schenkgeld statt Leihgeld, das monetär verzinst werden muss.  

Eine Verwaltung, die nicht nur verwaltet, sondern agiert!

Mehrere Schweizer Städte haben den Milan Urban Food Policy Pact MUFPP (4) unterschrieben und als Folge davon lokale Ernährungsstrategien entwickelt, Massnahmenkataloge erarbeitet und davon abgeleitete Projekte durchgeführt.  So dienen zum Beispiel die Genusswochen dazu, das regionale Genussschaffen sichtbar zu machen und die vom Kanton unterstützten Food-Waste-Messungen, die die Kosten und Mengen des Abfalls sichtbar machen, können helfen, in einem Betrieb bis zu 70% des foodwaste zu reduzieren.  Solche lokalen Aktionen und Events seien wichtig, um das Bewusstsein der Konsument.innen zu ändern, beschliesst das Podium.

Auch die von der CNS-FAO initiierten Städtedialoge (5, 6) widmeten sich den Fragen, wie man Abfall reduzieren, Handelsketten stärken, die Vernetzung aller Interessensgruppen fördern und Wissen vermitteln kann.

Aber, betonte Stefanie Kaiser von der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, zur Umsetzung braucht es immer einen Vorstoss aus der Politik. Sie gibt einen Anstoss und legitimiert so das Handeln der Stadt.

Die Politik als Auftragsgeberin

Auf politischer Ebene scheint der Wille vorhanden, den Nachhaltigkeitauftrag auf Kurs zu bringen. Die Agenda 2030 mit den Nachhaltigkeitszielen ist Teil dieses Weges, den die Schweiz definiert hat, um die Ernährungssysteme in der Transformation zu begleiten.  Somit liegt «der Politik» nichts im Weg, ihren Gemeinde- oder Stadtverwaltungen den Auftrag zu geben, sich für gerechte Ernährung zu engagieren, eine Ernährungsstrategie zu erarbeiten und Netzwerke zu fördern.

Subventionen und Steuern könnten zudem Anreize schaffen, dass mehr gesunde und umweltfreundliche Produkte angebaut und weniger gesundheitsschädliche Lebensmittel verkauft werden.

Die Zivilgesellschaft sind wir.

Essen ist politisch.  Einkaufen auch. Um die geforderte Transformation wirklich in Gang zu bringen, muss sie gelebt werden, durch unsere Eigenverantwortung – bei jedem Lebensmitteleinkauf. Wird der Druck genügend gross, so wird auch das regionale Wertschöpfungsnetz dahinter wieder aufgebaut.

Um „richtige“ Entscheidungen zu treffen, helfen zum Beispiel auch Nachhaltigkeitsbewertungen der Lebensmittel, wie der Beelong eco-score (7). Nachhaltigkeitsbewertungen, die sich nicht auf nur auf Treibhausgasemissionen beschränken, sondern die Produktionsweisen, Ressourcennutzung und Umwelteinwirkungen der ganzen Lieferkette miteinbeziehen. Auch die sozialen Risiken und gesundheitliche Aspekte gehören berücksichtigt, so Anita Frehner vom FIBL. Für Konsument.innen soll es möglich sein, zu erkennen, welche Konsequenzen das eigene Einkaufs- und Essverhalten hat.

Wir wollen Netzwerke statt linearer Ketten: In Netzwerken können sich Initiativen verbinden um so regionale Produktionsstrukturen zu stärken.  Netzwerke können auch Zugang zu Wissen und Zugang zu Finanzen zu fördern.  Die Podiumsteilnehmer.innen streichen heraus, dass die Städte solche Netzwerke fördern und damit die von den lokalen Kleinstinitiativen gemachten Schritte zur Erneuerung unseres Ernährungssystems unterstützen

Wir brauchen keine super foods.  Essen ist Genuss. Und ein gutes Ernährungssystem ermöglicht, was Michael Pollan (8) in sieben Worten zusammengefasst hat: “Eat food. Not too much. Mostly plants.” (9)

Zum Schluss:

Mit Benny Haerlin ans „Eingemachte“:

Nehmen Sie mal alle Produkte aus Ihrem Kühlschrank. Fragen Sie «Wo entstanden die Lebensmittel, die ich esse? Wer hat sie produziert, unter welchen Bedingungen? Die Tomaten aus Almeria, die Avocados, oder auch das Futtermittel für das Fleisch im Kühlschrank?“

Eine kleine Übung, damit die Gedanken und Netzwerkphantasien am Schluss dann tatsächlich durch den Magen gehen und wir ein bisschen nachspüren, was wir heute beschlossen haben.