Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Was ist das und wie kommen wir da hin?

Wie soll das ideale Ernährungssystem bei uns aussehen?  Was können wir z.B. aus den Resultaten der „City Dialogues“, die in verschiedenen Schweizer Städten im Vorfeld der UN World food systems Summit stattgefunden haben, lernen? Welche globale Verantwortung haben wir, damit gesunde, gerechte Ernährung für alle Realität werden kann?

Johanna Herrigel diskutierte mit Vertreter.inne.n aus der Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung

Zu Beginn: Benny Haerlin bereitet den Boden vor.

Es ist bekannt: Wir sind 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Weltweit stehen 1,5 Milliarden Hektar fruchtbare Ackerfläche zur Verfügung. Diese Zahlen sind nicht vorstellbar. Aber

2000m2 können wir uns vorstellen. Das ist die Fläche, die jedem einzelnen von uns zur Verfügung steht. Für diese 2000m2 tragen wir die Verantwortung. Immer wenn wir etwas kaufen, was auf dieser fruchtbaren Erde gewachsen ist, bewirtschaften wir einen Teil unseres Weltackers.

  • Was machen wir damit?
  • Kommen wir damit aus?

Es werden weltweit mehr als genug Lebensmittel produziert. Dazu Biogas und Futtermittel, sowie Rohstoffe für Industrieprodukte.  Trotzdem hungern über 800 Millionen Menschen und 47 Millionen davon sind von akuter Hungersnot betroffen.

Wie kann es sein, dass wenn für alle genug fruchtbarer Boden da ist, trotzdem so viele Menschen hungern und ebenso viele an Fehlernährung leiden? Armut und Krieg bringen Hunger. Und auch dort, wo der Klimawandel schon spürbar zugeschlagen hat, können sich immer häufiger die Menschen nicht mehr das ganze Jahr von ihren 2000m2 ernähren.

Je mehr Wissen alle von uns über unsere Ernährung haben, desto bewusster verhalten wir uns. Der Weltacker ist eine der vielen Initiativen mit diesem Ziel.

Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Was ist das?

Gesundheit für alle ?

Gesundheit, das sind gesunde Böden, gesunde Pflanzen, gesunde Tiere, gesunde Menschen, gesunder Planet. Wenn irgendein System von diesen fünf nicht gesund ist, sind alle nicht gesund. Wie Zahnschmerzen, die sich auf den ganzen Menschen auswirken.

Gesunde Ernährung wächst auf gesundem Boden. Doch wir haben in den letzten 70 Jahren weltweit 30-40 % des Humus und fruchtbaren Erde verloren. Der nicht mehr vorhandene Humus kann kein CO2 mehr speichern. Im Boden würde es gebraucht, stattdessen sammelt es sich weiter in der Luft an. Eine natürliche, gesunde Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel produzieren soll, braucht Humus!

Gerechtigkeit für wen ?

Auch die Gerechtigkeit ist mehrdimensional:  Gerechte Ernährung, sowie gerechte Produktion, gerecht verteilte Ackerflächen, gerechte Lieferketten und langfristig gerechtes Verhalten gegenüber unserer Umwelt.  

Gerechte Ernährung bedeutet Ernährungssicherheit – ein Menschenrecht. Doch fast 10% der Weltbevölkerung hat nicht genug zu Essen, und weitere 10-15% leiden an Folgekrankheiten von Fehlernährung.   Gerechte Produktion erfordert soziale Gerechtigkeit: dazu gehören die Arbeitsbedingungen, geregelte Arbeitszeiten und auch das Einkommen. Die heutige globale Wertschöpfungskette ist nicht gerecht. Bäuerinnen, Bauern, Landarbeiter erhalten kaum je einen fairen Preis für ihre Produkte. Diesen aber benötigen sie, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. 

Die fehlende Umweltgerechtigkeit ist mit Schuld am Klimawandel. Die aktuell dominanten globalisierten Wertschöpfungs- und Handelsketten treiben Raubbau an unserer Umwelt. Wir merken davon wenig, da über den Import die Hälfte unserer lebensmittelbedingten Umweltbelastung im Ausland produzieren wird.

Gesunde, Gerechte Ernährung für Alle. Wie kommen wir dahin?

Wir brauchen ein neues Ernährungssystem, das Qualität, Genuss und Ökologie berücksichtigt. Um ein gerechtes, gesundes Ernährungssystem aufzubauen sind alle involvierten Interessensgruppen wichtig: Wirtschaft Verwaltung, Politik, und Zivilgesellschaft.

Die Wirtschaft überdenken

Gebana will change the rules of global trade:  nicht der Kunde ist König, sondern die Natur ist Königin. Aus direkten Lieferketten zwischen Produzent.inn.en und Konsument.inn.en resultieren auch faire Preise und ermöglichen dadurch ein menschenwürdiges Leben.

Natur ist Leben. Das heutige Wirtschaftsdogma des ewigen Wachstums kommt aus der Industrie, die vermeintlich ewig wachsen kann. Das geht in der Landwirtschaft nicht. Landwirtschaft arbeitet mit Leben – die Natur darf nicht monetarisiert werden. Matthias Foster fordert eine zweiteilige Rechnung in der Landwirtschaft, eine Leistungsrechnung und eine Nachhaltigkeitsbilanz. Regionalökonomische, soziale und ökologische Leistungen sollen einberechnet werden, «damit der Bauer oder die Bäuerin aufzeigen können, welche Leistungen sie erbringen». Die Differenz zwischen Leistungen und Produkteverkauf plus Direktzahlungen soll von einem einen Leistungsausgleichsfonds finanziert werden.  (Die Universität Bern listet 200 Indikatoren. (1) und (2)

Gleichzeitig mit dem Humusverlust nimmt der Ertrag ab. Ein Wiederaufbau der Humusschicht erhöht zwar die Bodenfruchtbarkeit, -Biodiversität und Resilienz, aber die Investition wirft keinen monetären Ertrag ab. Deshalb fordert die Biostiftung über den Boden-Fruchtbarkeitsfonds (3)  Schenkgeld statt Leihgeld, das monetär verzinst werden muss.  

Eine Verwaltung, die nicht nur verwaltet, sondern agiert!

Mehrere Schweizer Städte haben den Milan Urban Food Policy Pact MUFPP (4) unterschrieben und als Folge davon lokale Ernährungsstrategien entwickelt, Massnahmenkataloge erarbeitet und davon abgeleitete Projekte durchgeführt.  So dienen zum Beispiel die Genusswochen dazu, das regionale Genussschaffen sichtbar zu machen und die vom Kanton unterstützten Food-Waste-Messungen, die die Kosten und Mengen des Abfalls sichtbar machen, können helfen, in einem Betrieb bis zu 70% des foodwaste zu reduzieren.  Solche lokalen Aktionen und Events seien wichtig, um das Bewusstsein der Konsument.innen zu ändern, beschliesst das Podium.

Auch die von der CNS-FAO initiierten Städtedialoge (5, 6) widmeten sich den Fragen, wie man Abfall reduzieren, Handelsketten stärken, die Vernetzung aller Interessensgruppen fördern und Wissen vermitteln kann.

Aber, betonte Stefanie Kaiser von der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, zur Umsetzung braucht es immer einen Vorstoss aus der Politik. Sie gibt einen Anstoss und legitimiert so das Handeln der Stadt.

Die Politik als Auftragsgeberin

Auf politischer Ebene scheint der Wille vorhanden, den Nachhaltigkeitauftrag auf Kurs zu bringen. Die Agenda 2030 mit den Nachhaltigkeitszielen ist Teil dieses Weges, den die Schweiz definiert hat, um die Ernährungssysteme in der Transformation zu begleiten.  Somit liegt «der Politik» nichts im Weg, ihren Gemeinde- oder Stadtverwaltungen den Auftrag zu geben, sich für gerechte Ernährung zu engagieren, eine Ernährungsstrategie zu erarbeiten und Netzwerke zu fördern.

Subventionen und Steuern könnten zudem Anreize schaffen, dass mehr gesunde und umweltfreundliche Produkte angebaut und weniger gesundheitsschädliche Lebensmittel verkauft werden.

Die Zivilgesellschaft sind wir.

Essen ist politisch.  Einkaufen auch. Um die geforderte Transformation wirklich in Gang zu bringen, muss sie gelebt werden, durch unsere Eigenverantwortung – bei jedem Lebensmitteleinkauf. Wird der Druck genügend gross, so wird auch das regionale Wertschöpfungsnetz dahinter wieder aufgebaut.

Um „richtige“ Entscheidungen zu treffen, helfen zum Beispiel auch Nachhaltigkeitsbewertungen der Lebensmittel, wie der Beelong eco-score (7). Nachhaltigkeitsbewertungen, die sich nicht auf nur auf Treibhausgasemissionen beschränken, sondern die Produktionsweisen, Ressourcennutzung und Umwelteinwirkungen der ganzen Lieferkette miteinbeziehen. Auch die sozialen Risiken und gesundheitliche Aspekte gehören berücksichtigt, so Anita Frehner vom FIBL. Für Konsument.innen soll es möglich sein, zu erkennen, welche Konsequenzen das eigene Einkaufs- und Essverhalten hat.

Wir wollen Netzwerke statt linearer Ketten: In Netzwerken können sich Initiativen verbinden um so regionale Produktionsstrukturen zu stärken.  Netzwerke können auch Zugang zu Wissen und Zugang zu Finanzen zu fördern.  Die Podiumsteilnehmer.innen streichen heraus, dass die Städte solche Netzwerke fördern und damit die von den lokalen Kleinstinitiativen gemachten Schritte zur Erneuerung unseres Ernährungssystems unterstützen

Wir brauchen keine super foods.  Essen ist Genuss. Und ein gutes Ernährungssystem ermöglicht, was Michael Pollan (8) in sieben Worten zusammengefasst hat: “Eat food. Not too much. Mostly plants.” (9)

Zum Schluss:

Mit Benny Haerlin ans „Eingemachte“:

Nehmen Sie mal alle Produkte aus Ihrem Kühlschrank. Fragen Sie «Wo entstanden die Lebensmittel, die ich esse? Wer hat sie produziert, unter welchen Bedingungen? Die Tomaten aus Almeria, die Avocados, oder auch das Futtermittel für das Fleisch im Kühlschrank?“

Eine kleine Übung, damit die Gedanken und Netzwerkphantasien am Schluss dann tatsächlich durch den Magen gehen und wir ein bisschen nachspüren, was wir heute beschlossen haben.

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